Vielleicht sollte ich mich an dieser Stelle mal vorstellen. Einige von Ihnen kennen mich schon persönlich, andere streifen immer wieder mal über diese Seite und fragen sich, wer da dahinter steht, hinter all diesen Worten und Bildern. Wenn man Google Analytics Glauben schenken kann, greifen wöchentlich ca. 400 User auf diese Webseite zu. Es ist immer irgendjemand online und betrachtet mich. Lässt meine Worte auf sich wirken. Oder wichst zu meinen Bildern.

Ich freu mich über beides gleichermaßen. Ich teile die gesellschaftliche Tabuisierung von Sexualität ja nicht. Wer wohl all diese Menschen sind? Ich kann es nicht wissen, doch der große Traffic ist für mich Grund genug, mich und meine Mission mal differenzierter zu zeigen.

Ich fühle mich geehrt, ich empfinde Verantwortung ob dieser Aufmerksamkeit. Verantwortung meinem Beruf gegenüber, meinen Kunden gegenüber. Meinem Beruf? Ja richtig, ich bin Prostituierte. Ich treffe mich mit großzügigen fremden (und großzügigen vertrauten) Männern und ich schlafe mit ihnen. Ja, ich lutsche ihre Schwänze, ich reite sie. Von manchen möchte ich es hart besorgt bekommen. Mit anderen bevorzuge ich zärtlichen Blümchensex. Umso luxuriöser das Hotel, in welches ich eingeladen werde, umso größer wird meine Bereitschaft, Verpöntes zu tun. Der erste Wiener Gemeindebezirk ist demnach der Bezirk, der meine Arschfick- und Cumonface-Rate anführt. Ich liebe es, nach einem Date mit weichen Knien über die Kärntnerstraße zurück zu meinem Auto zu wanken und noch dieses Gefühl zwischen meinen Arschbacken zu haben, welches der Schwanz eines Geschäftsreisenden hinterlassen hat, der mich vor weniger als 20 Minuten noch mit dem Blick eines vor Geilheit Wahnsinnigen von hinten durchgefickt hat. Ich liebe das Gefühl getrockneten Spermas auf der Haut, welches mich beim Verlassen des Hotels an der frischen Luft überrascht – huch!

Ja, dieses Führen einer Stricherl-Liste für Spermaladungen, Schwänze – das ist zwar traditionell eher eine männliche Domäne, ist aber auch als Frau mitunter richtig, richtg betörend. Es ist eine geradezu unwiderstehliche Einladung, auf die sonst ständig drohende Beziehungsverwicklung einfach zu pfeifen. Es ist eine Komplizenschaft der Geilheit, rauschhaft, esktatisch, und noch dazu völlig unverbindlich. Jederzeit wieder lösbar. Aber auch jederzeit wiederholbar. Keine Bedingungen, keine Versprechungen, die über die gemeinsame Zeit hinausgehen. Keine Macht für niemanden. Ein unverbindliches Bündnis der Verruchtheit. Geld macht frei. Und Geld macht geil. Ist so. Es ist nicht so, dass Männer Dinge von mir kaufen könnten, die ich grundsätzlich nicht bereit bin, zu tun, wie etwa gesundheitsschädliche und unsafe Praktiken (diesbezügliche Anfragen dringen aufgrund eines effektiven Spamfilters kaum zu mir durch). Es ist jedoch Tatsache, dass Großzügigkeit die Stimmung ändert. Wird mir ein Kuvert mit schönem Inhalt überreicht, ändert sich im selben Moment die Atmosphäre im Raum. Und in guter Stimmung ist stets mehr möglich – im Rahmen meines eigenen Repertoires an Vorlieben.

Die Details der Begegnung müssen dann auch gar nicht mehr genau besprochen und zerpflückt werden, sondern verstehen sich von selbst. Ich wusste anfangs gar nicht, was marktübliche Honorare sind. So machte ich die Erfahrung, dass die Kundschaft eher bei niedrigen Preisen bis aufs i-Tüpfelchen im Vorfeld abklären will, was „da alles dabei ist“. „Und nimmst du ihn in den Mund?“, „Und darf ich dich dann auch von hinten ficken?“, „Ist da mehrmaliges Abspritzen dabei?“, „Wie tief nimmst du ihn dann in den Mund, nur die Eichel, oder mehr, wieviele Zentimeter?“ usw.  Großzügige Kundschaft ist dagegen eher entspannt, muss ja auch nicht jeden Euro dreimal umdrehen, und vertraut tendenziell eher einfach darauf, dass das Ganze mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit passen wird. Diese entspannte Haltung erhöht wiederum ihrerseits die Wahrscheinlichkeit, dass es WIRKLICH passen wird. Wer jedoch, wie im Billigsektor üblich, gleich mal argwöhnisch und misstrauisch die Tür öffnet und sich schon prophylaktisch vor der „Abzocke“ fürchtet – der darf sich nicht wundern, dass sein Erlebnis von seiner eigenen Antipathie gleich mal mitgeprägt wird. 

Kulinarische Vergleiche sind hier ausnahmsweise mal passend: Irgendwie verständlich, dass man beim Billigfutter genau wissen will, ob das nun eh wirklich mit jenen Zutaten zubereitet ist, die draufstehen, oder ob da nicht doch vieles eingespart wurde. Im Luxusrestaurant des Vertrauens ist das dagegen selbstverständlich. Da fragt man den Kellner ja auch nicht: „Und ist da eh wirklich richtiges Fleisch dabei?“ Das setzt man hier einfach voraus. Und sollte man doch mal enttäuscht sein – naja, dann ist man ja solvent genug, um deswegen nicht gleich den Rest des Monats am Hungertuch zu nagen. Doch ich denke, ich präsentiere in meinem Arsenal genügend Serviervorschläge, die eine Ahnung davon vermitteln, dass keine Wünsche offenbleiben werden. Und deshalb habe ich kaum noch Anfragen, die sich für eine genaue „Serviceliste“ interessieren, oder in der eine Wunschliste zur Abarbeitung übermittelt wird.  

Tja, so ist das nun, für diesen Beruf habe ich mich entschieden. Wenn mich jemand fragt, warum ich dann überhaupt studiert habe, so kann ich nur entgegnen: Meine Bildungsprozesse haben mich zu der Persönlichkeit geformt, die ich heute bin. Und diese Persönlichkeit ist Voraussetzung dafür, gute, selbstbestimmte und freie Sexarbeiterin zu sein. Ich habe in Linz Handelswissenschaften und Soziologie studiert, habe dort noch vor Bologna als Magistra abgeschlossen. Berufliche und private Wege führten mich Richtung Wien, wo ich noch Soziale Arbeit studiert habe. Ich arbeitete dann einige Jahre als Sozialarbeiterin. Nach dem Abschluss des Masters in Sozialer Arbeit wurde ich schließlich Wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Fachhochschule.

Während dieses Jobs, in dem ich große Freiheitsgrade genoss, definierten mein Mann und ich unsere Beziehung neu. Wir entschieden, dass wir sie für mich nach außen öffnen werden, da ich die monogame Lebensform als absolut hinderlich für meine persönliche Entfaltung betrachtete. Ich nenne eine starke Libido mein eigen, der ein einzelner Mann kaum gerecht werden kann. Also begann ich zu dieser Zeit, es war so 2017 herum, zu escortieren. Ich wusste damals noch gar nicht, dass das „Independent Escort“ heißt. Ich wusste nur, ich will unverbindlichen geilen Sex mit Männern, und ich will diejenige sein, die an den Ort des Geschehens kommt und ihn wieder verlässt. Ich mag die Mobilität, ich mag die Kilometer. Ich fahre selbst. Die Autofahrt ist mein Vor- und Nachspann zum Date. Im Auto stimme ich mich ein. Meine Musik begleitet mich, während ich nach und durch Wien cruise. Unerkannt wie ein Schatten, aber gleich so grell und lebendig, dass jemandem beim Abspritzen Hören und Sehen vergehen wird.  

Irgendwann habe ich das akademische Prekariat dann an den Nagel gehängt, um mich ganz der Sexarbeit zuzuwenden. Unser Familienleben hat sich dadurch maßgeblich entspannt, da nun für alles mehr Zeit vorhanden ist. Das Leben hat seither wieder mehr Freiheitsgrade, mehr unverplante Zeitinseln, mehr Quality Time, mehr Lebensqualität. Ich kann mir nun den Luxus freien wissenschaftlichen Arbeitens ohne die Gängelung durch Fördergeber leisten und arbeite an meiner sozialwissenschaftlichen Dissertation an der Uni Graz – in einem Themenfeld von Sexarbeit natürlich. Damit habe ich mir einen persönlichen Traum erfüllt.

Sie meinen, ich sei damit eine „Ausnahme“? Eine Randerscheinung? Die Wiener Ausnahme-Hure, die es sich richtet, wie sie es braucht? Nun ja, natürlich richte ich es mir, wie ich es brauche – sonst hätte ich ja gleich wissenschaftliche Mitarbeiterin oder sonst irgendeine Angestellte bleiben können. Aber eine Ausnahme bin ich mitnichten. Jedes Monat erreichen mich ein paar Zuschriften von Frauen, die ins Geschäft einsteigen möchten, die mich nach Tips und Auskünften über das Escortgeschäft fragen. Es sind allesamt Frauen mit Bildung, weltoffen, eloquent, reflektiert. Viele stecken gerade im Studium, viele sind in kreativen oder auch – wie ich es war – in sozialen und medizinischen Berufen tätig. Es sind durch die Bank Frauen, die man der gebildeten Mittelschicht zurechnen könnte, würden diese gesellschaftlichen Kategorien heute noch was aussagen. Es sind allesamt Frauen, die einen guten Zugang zu ihrem Körper haben, und sich ohne mit der Wimper zu zucken vorstellen können, mit fremden Männern guten Sex zu erleben.

Wir sind kein „Rand der Gesellschaft“. Wir sind mittendrin. Und wir sind viele. Wir sitzen neben Ihnen in der U-Bahn und im Café. Wir sind Ihre Chefinnen, Ihre Mitarbeiterinnen, Ihre Bekannten und Freundinnen. Wenn wir uns Ihnen gegenüber outen, dann zeigen Sie bitte, dass Sie ungewöhnliche Lebensentwürfe respektieren können. Zeigen Sie, dass sie uns achten und wertschätzen, als Mitmenschen mit denselben Menschen- und Bürgerrechten, wie sie auch für Sie gelten: Das Recht auf freie Berufswahl, das Recht mit unseren Körpern zu tun, was wir wollen, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Diese Rechte sind unantastbar, egal welcher Berufung man sich zugehörig fühlt.

4 Kommentare
  1. Thorja von Thardor
    Thorja von Thardor sagte:

    @Phorus: Ein ganz wichtiger Entwicklungsschritt fand im März 2018 statt, als ich von schirchen Handy-Selfies auf Knipsa-Phorusfotos umstieg! Das war zugleich der letzte Monat meiner FH-Arbeit. Kann mich noch erinnern, dass ich bei meinen ersten zaghaften Posen vor deiner Kamera daran dachte, dass ich noch ein paar Tage an der FH aushalten muss… Das erste Fotoshooting markierte also in mehrfacher Hinsicht eine Wende. 🙂

  2. Archie
    Archie sagte:

    Chapeau!
    Dem von mir nach meinen ersten Date mit Thorja – damals noch mit anderem nom de guerre ihrerseits – Geschriebenen habe ich nichts hinzuzufügen:
    „Ronja tritt ein. Groß, elegant, sehr präsent, aber völlig unprätentiös (= vorgaukelnd, irgendwas zu sein; braucht sie nicht … Ronja ist).“
    Mir kommt Billy Joel in den Sinn: „I spoke to you in cautious tones, you answered me with no pretense …“. Mit oder ohne böse(r) Absicht sprechen viele Thorja „in cautious tones“ an – verschämt, gehemmt, unsicher. Doch sie antwortet uns „with no pretense“.
    Kurzer back check – „pretense“ … aus Google poppt ein Erklärungsversuch:
    „pretense“ – an attempt to make something that is not the case appear true.
    She answers us with no pretense. What more, what better can be said?

    P.S.: Wer noch eine Ein-, Hin-, Verführung braucht, kann „unprätentiös“ im ErotikForum suchen.

    *thumbs up*, schöne Frau,
    Archie

  3. Max
    Max sagte:

    Ich finde den Beitrag toll. Geistreiche Frauen mit einem entspannten, offenen Umgang mit Sexualität mag ich sehr!
    Well done! 🙂
    lg max

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.