Der „Deckel“? Für eine Escortdame? Aber die bietet doch nur Gesellschaft – oder nicht? Nun ja, wenn wir Escorts dem geltenden Recht entsprechen wollen, brauchen wir das „Gesundheitsbuch“, wie es auf amtsdeutsch heißt. Wir könnten ja schließlich einen Abgrund aus Krankheiten mit uns herumtragen. Auch ich bin in der amtlichen Hurenkartei zu Wien gelistet. Wie es einem da so ergeht, wenn man in regelmäßigen Abständen zur Untersuchung erscheint, weil man für diesen Staat offensichtlich als potentielle Gefährdung der Volksgesundheit gilt, das erzähle ich hier.

„Nummer 98, Sie können einstweilen Platz nehmen“.

Ich nehme am Empfangsschalter den kleinen Zettel mit der aufgedruckten Zahl entgegen und gehe durch einen kurzen Flur in ein Wartezimmer mit grünen Sesseln und einem Getränkeautomaten. Ich bin im “ Amtsärztlichen Referat für sexuelle Gesundheit und Prostitution“ und warte auf meine Untersuchung. Man soll sich hier in 6wöchigen Intervallen einfinden, um einen Scheidenabstrich nehmen zu lassen, der auf Tripper und Chlamydien gescreent wird. In längeren Intervallen ist eine Blutuntersuchung auf HIV und Syphilis vorgesehen, in noch längeren Intervallen ein Lungenröntgen auf TBC. Früher war ich Sozialarbeiterin und habe unsere KlientInnen zur TBC-Untersuchung hierher geschickt, damit sie Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe in Anspruch nehmen dürfen. Für mich fühlt sich mein Einstieg in das Escortgeschäft als sozialer Aufstieg an – mehr Lebensqualität, mehr Zeit, mehr freie Verfügbarkeit über meine Ressourcen, eine bessere Work-Life-Balance, und endlich die Chance, unabhängig von Fördergebern wissenschaftlich zu arbeiten und meine Dissertation zu schreiben. Dass ich jetzt hier sitze, kratzt ein bisschen an diesem Gefühl. Aber egal, ich sage mir: Es interessiert mich ja auch so, aus sozialwissenschaftlichem Interesse quasi. Vielleicht kann ich meine Untersuchungstermine ja gleich als teilnehmende Beobachtung für meine laufende Dissertation nutzen, zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während mein Sohn unruhig wird. Ihm ist fad. Er konnte heute nicht in den Kindergarten gehen, weil er in der Früh Bauchweh hatte. Jetzt ist er fertig mit den hier aufliegenden Broschüren und Flyern und fragt „Mama, wie lange warten wir hier noch?“ Ich gebe ihm ein kleines Buch über Giraffen, welches ich zum Glück in meiner Tasche finde. „Nicht mehr lange. Wir sind bestimmt gleich dran!“

In meiner Unsicherheit habe ich heute morgen sogar hier angerufen, ob es eh ok sei, ein Kind mitzunehmen. Das kam mir schon reichlich lächerlich vor. Warum sollte es das nicht sein? Ich hatte fast ein wenig Bedenken, ich könnte allein durch meine Frage, ob ich ein Kind mitnehmen kann, ungut auffallen. Signalisiere ich damit, dass ich medizinische Untersuchungen für verwerflich halte, nur weil und sobald sie im Zusammenhang mit Sexarbeit stattfinden? Zeige ich damit, dass ich mit mir selbst nicht im Reinen bin? Oute ich mich damit als blöd? Ich würde schließlich auch nicht auf die Idee kommen, in einem normalen Krankenhaus anzurufen und zu fragen, ob ich mein Kind in eine Ambulanz mitnehmen kann. Denn genau in so einem Setting befindet man sich auch hier:

Wartebereich, Umkleidekabinen die als Schleusen zum Untersuchungsraum führen. Sogar bei meiner privaten Gynäkologin gibt es in einer Ecke des Untersuchungsraums eine Spielecke für kleine Kinder. Und wie zu erwarten sind das hier Profis, die meine Ängste zerstreuen. Im medizinischen Bereich hat man schließlich Verständnis dafür, dass Mütter ihre Kinder manchmal einfach mitnehmen müssen, vor allem in Bereichen, die sich mit Frauen beschäftigen, kann man dieses Verständnis ja erwarten. Am Telefon wurde mir gesagt: „Ja, natürlich. Das ist nicht verboten“. Ok. Nicht verboten? Komisches Wording. Würde das meine Gynäkologin auch so sagen? Hm. Ich denke, nicht. Aber gut, wir sind hier und warten. Und werden endlich aufgerufen:

„Nummer 98 bitte!“ Wir nähern uns der geöffneten Tür zur Umkleide-Schleuse. Eine weißgewandete Mitarbeiterin steht in der Tür. Sie bleibt in der Tür stehen und schaut kritisch, ohne etwas zu sagen. Wir stehen uns wortlos gegenüber. Mir schwant, was sie mit ihrem Blick meint.

Ich nehme vorweg: „Ja, es ging nicht anders. Ich habe angerufen.“

Sie: „Ich weiß das. Ich muss Sie bitten, dass Ihr Kind in der anderen Kabine bleibt.“

Gut, ich erkläre meinem Sohn, dass er in der kleinen Kabine kurz auf mich warten soll. Ich bin ja direkt daneben und wir sehen uns gleich wieder. Ich gebe ihm das Giraffenbuch und ziehe mich in meiner Kabine nebenan unten rum aus. Ich öffne die Tür, die von meiner Kabine in den Untersuchungsraum führt und öffne auch die Tür der Nebenkabine ein Stück weit, um meinem Sohn zuzulächeln und ihm zu zeigen, dass ich eh hier bin.

Die weiß gewandete Dame schließt die Tür der Kabine, in der mein Sohn auf einem kleinen Hocker sitzt, mit dem Giraffenbuch auf dem Schoß. Ich sage: „Nicht notwendig, da können Sie ruhig offenlassen!“.

Sie: „Sie übernehmen also die Verantwortung dafür, dass Ihr Sohn hier alles mitbekommt?“

Ich: „Die Tür beibt einen Spalt weit offen. Da fühlt er sich ja sonst eingesperrt und fürchtet sich!“

Sie: „Ich muss Ihnen schon sagen, dass das nicht vorgesehen ist, dass hier Kinder dabei sind.“

Ich: „Ich sagte doch schon, es ging nicht anders. Es war nicht anders zu lösen heute. Außerdem hab ich angerufen und gefragt! Und außerdem sehen mich meine Kinder auch zuhause ganz normal nackt, wenn ich aus der Dusche komme.“

Sie: „Das ist etwas anderes. Er sieht Sie hier, wie Fremde Sie intim untersuchen. Dafür übernehme Sie also wirklich die Verantwortung?“

Ich bemerke, dass ich Herzklopfen bekomme, meine Lippen zittern, das Adrenalin flutet an. Wohlgemerkt stehe ich die ganze Zeit unten ohne da, in Socken, während ich diese Unterhaltung führen und mir anhören muss, dass ich, als Prostituierte, in den Augen dieser Dame offensichtlich nicht weiß, was für meinen Sohn gut ist. Sie weiß es besser. Sie belehrt mich. Während ich halb nackt dastehe.

Ich entgegne, so ruhig es mir möglich ist: „Dass ich mich mit Ihnen jetzt hier auseinandersetzen muss – DAS verunsichert meinen Sohn jetzt schon zunehmend!“ Und tatsächlich sitzt er da, mit dem Giraffenbuch in seinen kleinen Händen, und schaut fragend abwechselnd zu mir und zu der Dame. Dass ich unten ohne bin, ist ihm vollkommen egal. Er kennt mich nackt. Bin ja schließlich seine Mama.

„Ich würde jetzt gerne einfach diese Untersuchung hinter mich bringen, anstatt mich mit Ihnen auseinanderzusetzen. Und die Tür hier bleibt einen Spalt offen“, sage ich nachdrücklich. Schließlich gibt sie mir den Weg zum Gyn-Stuhl frei. Ich nehme Platz, der Abstrich wird genommen, und ich kann wieder runter. Dauer: ungefähr 7 Sekunden. Die andere Person, die mir den Abstrich nimmt, hat sich die ganze Zeit in diese Unterhaltung nicht eingemischt. Sie ist freundlich und erklärt mir, dass ich mich wieder anziehen kann.

Als wir nach Hause fahren, bin ich froh, dass mein Sohn von der Autobahn fasziniert ist, und nicht sieht, dass mir Tränen über die Wangen laufen. Tränen aus einer Mischung aus Zorn und Traurigkeit. Ich frage mich, bin ich wirklich so unfähig? War das wirklich total schlimm von mir, dass ich meinen Sohn da mitgenommen habe? Die belehrenden Worte klingen in mir nach. „Das ist etwas anderes, wenn er sieht, wie Fremde Sie intim untersuchen.“ Aber er sieht doch nichts, denke ich mir. Selbst wenn die Tür ganz offen gewesen wäre, hätte er mich nur von der Seite gesehen. Er hätte zu keinem Zeitpunkt Einblick in den genauen Ort der Abstrichabnahme gehabt. Genauso, wie es bei meiner Gynäkologin ist. Nur, dass es bei meiner Gynäkologin nicht einmal eine Tür zwischen der Kinderecke und dem Gyn-Stuhl gibt. Das ist alles einfach in einem Raum. Der Stuhl ist der Kinderecke natürlich abgewandt. Und hier war zusätzlich sogar eine Tür zwischen ihm und mir, die nur einen Spalt weit offen war.

Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich mich so verunsichern lasse. Ich ärgere mich darüber, dass mir nicht gleich vor Ort eingefallen ist, was mir im Nachhinein klar wird: Nämlich, dass es dieser Dame nicht zusteht, über meine Qualitäten als Mutter zu urteilen. Genau das hat sie aber getan. Das hat sie sich einfach herausgenommen. Sie meint, dazu das Recht zu haben, weil wir Prostituierten in ihren Augen anscheinend keine guten Mütter sein können. Sie meint wahrscheinlich, als Prostituierte bin ich von Grund auf distanzlos und kann Risiken für mein Kind nicht einschätzen. Und würde ihrerseits aber einen 5jährigen ganz alleine in einer kleinen, engen Kabine einschließen. Warum ist mir der Vergleich mit meiner Gynäkologin nicht eingefallen? Den hätt ich ihr gleich um die Ohren hauen können. Oder ist meine Gynäkologin etwa auch so distanzlos und ungeniert wie ich?

Ich tröste mich damit, dass ich besser weiß, was für meinen Sohn gut ist. Ich tröste mich damit, dass ich verhindert habe, dass die Tür geschlossen wird. Ich weiß, dass er da geweint hätte. Aber das habe ich verhindert. Ich habe ihn beschützt. Vor den Zumutungen einer diskriminierenden, abwertenden Haltung seiner Mutter gegenüber. Das einzig Unangenehme für ihn war nur kurz eine Spannung zwischen zwei Erwachsenen. Aber sonst war nichts schlimm für ihn. Er hat sich nie eingesperrt und verlassen gefühlt. Und er hat immer gewusst, wo seine Mama ist. Es geht ihm gut – das ist es, was zählt. Was sich die Dame über mich denkt, das zählt tatsächlich nicht. Er lacht vergnügt, als wir die langgezogene Kurve auf den Knoten Prater hinauffahren.

 

2 Kommentare
  1. Bandiera rossa
    Bandiera rossa sagte:

    Danke für die Schilderung dieser Situation! Zeigt sie doch beispielhaft, welche Position der Staat gegenüber Sexarbeiter*innen einnimmt.
    Ist diese Untersuchung kostenlos, oder muss man/frau für die Schikaniererei auch noch zahlen?

  2. Thorja
    Thorja sagte:

    Kostet tut sie jedenfalls Zeit und Nerven. Ob sie umsonst ist, darüber kann man urteilen, wenn man weiß:
    Der Stempel im Gesundheitsbuch sagt nur aus, dass die Sexarbeiterin bei der Untersuchung war. Der Stempel bedeutet NICHT, dass ihr dabei Gesundheit attestiert wurde. Das Ergebnis der Abstriche liegt erste einige Tage später vor. Sollte dabei etwas gefunden werden, wird man laut Info der MA15 angeschrieben. Es vergeht also nochmal Zeit, bis die kranke Sexarbeiterin dann die Sexarbeit einstellt. Sinnvoll schützen kann man sich aus der Sicht von Kunden also sowieso nur mittels konsequenter Verwendung von Kondomen. Generell sinnvoller wäre aus meiner Sicht, wenn man diese Untersuchungen auf freiwilliger Basis bei einer niedergelassenen Ärztin/Arzt des Vertrauens machen könnte, die/der die persönliche Gesundheitshistorie kennt und darauf aufbauend beraten kann. Derzeit würden jedoch die Krankenkassen angesichts engmaschiger Intervalle hellhörig werden und möglicherweise die Kosten nicht mehr übernehmen – so hat mir meine Gynäkologin das erklärt: „Warum lässt sich die dauernd untersuchen?“
    Ganz allgemein finde ich, dass die Untersuchungsverpflichtung den Prosituierten einseitig die Verantwortung in die Schuhe schiebt. Sie befördert folgende Haltung unter den Kunden: „Ich als zahlender Kunde habe ein Recht auf eine gesunde Prostituierte. Die MUSS doch gesund sein, schließlich MUSS sie sich ja untersuchen lassen – und ich brauch nicht mehr aufpassen“. Das lesen wir regelmäßig in diversen Internetforen. Wenn man jedoch über die große zeitliche Lücke zwischen Untersuchung und Vorliegen der Ergebnisse weiß, dann weiß man auch, dass es mit dem Recht des zahlenden Kunden auf Gesundheit nicht weit her ist. Ob das für alle Beteiligten sinnvoll ist… sie dahingestellt. Im Grunde ist es auch ein Angriff auf die körperliche Integrität. Wenn die Sexarbeit nur unter Befolgung dieser Untersuchungen erlaubt ist, kann man diese als Zwang einstufen.

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.