Der letzte Abend vor dem Lockdown. Milde Temperaturen wie im Spätsommer laden dazu ein, die Jacke ins Auto zu schmeißen und noch ein letztes Mal im Schanigarten zu sitzen. Manchen lädt der Abend auch dazu ein, ein letztes Mal vor dem Lockdown Escort zu buchen – so wie meinen Kunden gestern Abend.

Während ich diese Zeilen schreibe, steh ich noch sehr unter den Eindrücken von gestern Abend. Ich habe kaum geschlafen. Mein Kunde und ich waren in einem bekannten Hotel im 20. Bezirk, wenige 100 Meter vom Schwedenplatz entfernt. Es handelt sich übrigens um denselben Kunden, mit dem ich auch schon den Abend vor dem letzten Lockdown verbrachte. Irgendwie haben wir ein Händchen für dramatische Dates.

Es fing damit an, dass auf WhatsApp plötzlich eine Flut von Nachrichten eintrudelte, in denen gefragt wurde, ob ich in Sicherheit sei. Ich wusste da noch gar nicht, was los ist. Von Amok und Terror las ich was, weitergeleitete Videos füllten meine Timeline auf Facebook und Twitter. Wie ich es gewohnt bin, assoziierte ich das mit einem Geschehen, das wohl soeben irgendwo auf der Welt stattzufinden schien. Doch dann wurde mir bewusst, dass die Sorge um meine Sicherheit mit den Meldungen über einen Großeinsatz der Polizei in Wien zusammenhingen.

Zutiefst bestürzt mussten wir feststellen, dass unweit von uns offenbar ein Terroranschlag, wie ihn Wien noch nicht erlebt hat, im Gange war. Und mit einem Schlag realisierten wir auch die ununterbrochen zu hörenden Sirenen von Polizei und Rettung.

Mein Reflex war: „Ich will nach Hause!“ Doch in sämtlichen Medien rief die Polizei dazu auf, in Gebäuden zu bleiben und den öffentlichen Raum nicht zu betreten. Bei mir machte sich daraufhin ein hässliches Gefühl von Klaustrophobie breit: Ich fühlte mich eingesperrt. Draußen ist es unsicher, ich kann nicht zu meinem Auto, ich kann nicht fliehen – schrecklich.

Währenddessen war schon von Toten die Rede. Und immer wieder Sirenen. Ich muss sagen, mein Kunde hat sich die beste Mühe gemacht, mich zu beruhigen. Wir ließen uns (nochmal) ein Bad ein und verfolgten die Nachrichten. Mein Kunde schenkte uns ein Gläschen Portwein ein, was zumindest ein bisschen zur Beruhigung beitrug. So saßen wir in der Badewanne und schauten am Handy ORF.

Die Meldungen genau zu verfolgen, gab mir ein kleines Gefühl von Kontrollierbarkeit meiner Situation. Und so arrangierte ich mich mit der Aussicht, hier noch auszuharren, bis es wieder sicherer sein würde. Mittlerweile war es nach Mitternacht. Um 1 Uhr war jedoch noch immer keine Entwarnung zu hören, immer noch schienen Attentäter auf der Flucht zu sein.

Ich überlegte, ob ich meinem Kunden jetzt ein erzwungenes Overnight antun sollte, oder ob ich es riskieren konnte, zu meinem Auto zu gehen, welches nur ca 20 Meter vom Eingang des Hotels geparkt war. Ich entschied, es zu tun. Mein Kunde wollte mich zum Auto begleiten, doch das lehnte ich ab, da er mir sowieso nicht würde helfen können, falls ich in eine bedrohliche Situation käme. So verabschiedeten wir uns – wieder mal – ins Ungewisse.

Der Weg zum Auto hat sich noch nie so lang angefühlt. So etwas habe ich noch nie zuvor erlebt – sich unsicher zu fühlen, wenn man in Wien nur ein paar Meter zum Auto geht. Das Haustor öffnen, links und rechts schauen, niemand da. Das Haustor fällt ins Schloss, ab jetzt gibt es keinen Weg zurück, da vorne steht das Auto, wieviele Schritte noch… einsteigen, Zentralverriegelung ein – KLACK – starten, schnell eine WhatsApp nach Hause: „bin im Auto, fahr jetzt los“ – „Ok! Bleib nicht stehen wenn dich jemand aufzuhalten versucht!“ – „Ok“ – „schick deinen Livestandort“ – „Ok“.

Ich fahre. In der Othmargasse habe ich plötzlich ein Auto vor mir, das mich ausbremst. Was ist jetzt los? Polizei? WhatsApp fragt: „Warum bleibst du da stehen????“ Doch der Fahrer vor mir lässt nur jemanden aussteigen. Dann weiter auf die Lände. Nach Norden, weg vom Schauplatz des Verbrechens wenig südlich von mir. Es ist fast ausgestorben, kaum Autos unterwegs, es hat ja auch soeben die erste Ausgangssperre begonnen. Ich nähere mich der nördlichen Stadtgrenze, jetzt werde ich ruhiger. So tröstend ist es auch, zu sehen, dass zuhause die ganze Zeit jemand online ist, um meinen Standort zu verfolgen.

Außerhalb Wiens kommen mir dann viele Blaulichte entgegen. Offenbar die Unterstützung aus Niederösterreich. Endlich zuhause angekommen, versucht man das Unglaubliche zu verarbeiten. Das ruhige Haus, die schlafenden Kinder, die Katzen, die sich jetzt ein Leckerli von mir erwarten, und jemand der mich umarmt und sich freut, dass ich gut angekommen bin — wie schön ist diese friedliche Welt… wie wertvoll. Ich sauge diese Stimmung in mich auf und bin den Tränen nahe, da ich weiß, dass es Menschen gibt, die auch solche friedlichen Welten hatten, welche nun aber von ein paar Arschlöchern zerstört und ausgelöscht wurden, für immer.

Ich hoffe, dass die Täter gefasst und zur Verantwortung gezogen werden. Ich hoffe, es kann verhindert werden, dass sie sich durch einen in ihrem kruden Weltbild eingebildeten Heldentod feige aus der Verantwortung stehlen. Mein tiefstes Mitgefühl ist bei allen Angehörigen und Freunden der Opfer. Ein feiger Angriff auf unsere freie Art zu leben. Ich nehme das äußerst persönlich. Denn das ist ein Angriff auch gegen all jenes, wofür ich stehe und mich einsetze.

Die Freiheit des Menschen ist unantastbar, und das gilt auch für die sexuelle Freiheit. Niemals werden wir uns in Geiselhaft nehmen lassen, um davon Abstriche zu machen. Lasst euch nicht unterkriegen. Lasst uns fortan unsere Freiheit umso bewusster leben.

Eure Thorja

2 Kommentare
  1. Phorus
    Phorus sagte:

    Ich lag zuhause, dachte an dieses und jenes….. An lodernde Feuer, an ungezwungenes Lachen, das von kalter Stille hinweggefegt wurde. Ein paar bunte Blätter auf nassen Pflastersteinen, an ein paar Regentropfen, salzige……..

  2. Mann der letzten Stunden ...
    Mann der letzten Stunden ... sagte:

    Deinen Schlußworten ist nichts hinzuzufügen – genießt das Leben und tragt diese Botschaft auch hinaus! Das Leben und die Freiheit ist zu schön um es sich von solchen Spinnern kaputt machen zu lassen!
    Und dir liebe T. möchte ich gern sagen – du hättest mir nichts aufgezwungen 🙂 – ich hab alles wirklich von Herzen und gern gemacht!
    Dein MdlS

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