Ja, wie ist das nun also, darf man „Hure“ überhaupt sagen? Ist das nicht eine Beleidigung, eine Abwertung, eine Reduktion der Person auf das, was sie tut? Was soll man stattdessen sagen? Was wäre angebracht? Erotikdienstleisterin, Escort, Gspusi, Sexarbeiterin?Man kann sich den Kopf sehr lange über Euphemismen, deren Tretmühlen, political correctness und Dinge wie Diversitätsachtsamkeit etc. zerbrechen. Je nach persönlicher Ethik kommt dabei was anderes heraus. Die vielen verschiedenen Begriffe beleuchten wie sich teilweise überlappende Scheinwerfer verschiedene Aspekte des Phänomens, welches sie beschreiben. Der Begriff „Erotikdienstleisterin“ fokussiert eher auf die Konsum durch den Kunden, ein anderer Begriff, „Escort“, erhebt die gepflegte Zweisamkeit zum Zentrum der Bedeutung, wieder ein anderer Begriff, das „Gspusi“, betont eher das Augenzwinkernde, Frivole, auf unverwechselbar wienerische Art. „Sexarbeiterin“ dagegen ist unser politischer Begriff, mit dem wir zum Ausdruck bringen, dass das, was wir tun, Arbeit ist, dass wir Rechte anstatt ausschließlich Pflichten und Kontrollen fordern. Aber wie ist das nun mit dem Begriff „Hure“?

Für mich persönlich ist dieses Wort an Schönheit kaum zu überbieten. Es spricht sich weich und warm. Es klingt nach Samt, nach Nacht. Nach Gefahr und nach Freiheit. Bereits die schiere Aussprache des Wortes Hure verführt den Mund unwiderstehlich dazu, sich begehrend zu öffnen. Keine Zischlaute, keine Stotterstolpersteine, kein Zungenbrecher – nein – Hure tut dem Mund nur Gutes. Eingeleitet vom Hauch des H, verführt es zum sich öffnenden U, erdet die Zunge mit einem R, und erlaubt den Lippen mit einem E, entspannt geöffnet zu bleiben, ohne abrupt zu enden. Es klingt nach, ohne aufdringlich zu sein.

Während also die linguistischen Aspekte des Wortes Hure schon durchaus erfreulich sind, sind es die inhaltlichen Momente nicht weniger:

Die Hure steht für freie, ungebändigte weibliche Sexualität. Zügellos und einzig sich selbst verspflichtet ist sie, die Frau, die diesen Begriff für sich zurückerobert hat. Die Hure ist eine Frau, die man haben kann, wenn man sich mit ihr einig wird. Nichts jedoch kann die Hure halten. Sie entzieht sich mühelos jedem Versuch, sie festzuhalten. Niemals kann man eine Hure besitzen, denn das widerspräche dem unverhandelbaren Prinzip der unbegrenzten Freiheit, die sie für sich beansprucht. Genau darin liegt der große Widerspruch, den so viele nicht verstehen: Man kann eine Hure haben, aber man kann sie eben nicht: haben. Das ist ein großer Unterschied. Nicht selten erzeugt dies Schmerz, Unverständnis und manchmal auch Wut unter jenen, die zu sehr „haben“, besitzen, vereinnahmen wollen. Es ist mitunter schwierig, zu begreifen, dass eine freie Frau nur sich selbst gehört.

Die Hure ist jedoch auch eine Verbündete, eine Komplizin, mit der man unaussprechliche Geheimnisse teilt. Auch dies verleiht ihr eine gewisse Macht, die sie aufgrund ihrer persönlichen Größe und Unabhängigkeit jedoch niemals gegen jemanden verwenden würde. Hierfür ruht sie zu sehr in sich selbst, hierfür liebt sie die Menschen zu sehr. Die Hure ist die beste Gefährtin für ein Stück des Weges, denn sie zeichnet sich per definitionem durch Mut aus. Freiheit und Unabhängigkeit müssen von uns Frauen meistens hart erkämpft werden – und das erfordert und erzeugt eben Mut. Ja, die Hure ist unabhängig von Zuschreibungen anderer, gleichgültig gegen Neid und Argwohn, womit gerade sie gerne belegt wird, all den Moralaposteln zum Trotz. 

An ihrer Seite fühlt sich das Leben freier an, da alle Verpflichtungen und Verbindlichkeiten, die eine Begegnung sonst verkomplizieren, hier nichts gelten. Die Zeit mit einer Hure ermöglicht einen anderen Blick auf die Welt – genau darum ist diese Zeit ja auch so eine Erholung, ein Kurzurlaub, eine Auszeit, aus der man erfrischt zurückkehrt.

All dies bringt das Wort Hure aus meiner Sicht am besten zum Ausdruck. Auf dass wir uns diesen Begriff zurückholen mögen! 🙂

 

 

4 Kommentare
  1. Stefan
    Stefan sagte:

    Guten Morgen!

    Der Begriff Hure war in meiner Umgebung anfangs doch auch etwas negativ behaftet, weil man es eher als Schimpfwort für eine SW nahm!
    Mir gefällt deine Betrachtungsweise und deine Variante der Bedeutung dieses Wortes wesentlich besser und wenn sich das durchsetzen würde, wäre ich dafür, dass ihr euch dieses Wort zurückerobern solltet!!

    Wenn du gestattest, würde ich gern einige weitere Bedeutungen anführen, welche man auch im Gesamten als Anekdote sehen kann:
    In gewissen Arbeitsstätten, wie auch der meinen, entwickeln sich meist diverse Slangwörter, welche größere Wortmengen beinhalten, nur kürzer zusammengefasst in diesen, ja schon fast internen Fachbegriffen, wenn man sie so nennen kann 😉 In dem Zusammenhang geht es um die Bedeutung der Wörter „du Hure, elendige“ und „es fickt, aber gewaltig!!“
    „du Hure, elendige“ wird in meinem speziellen Sprachgebrauch dazu verwendet bzw. ist zu hören, wenn eine Maschine nicht das tut, was man eigentlich von ihr erwartet, bzw. etwas anders macht, als gedacht, was sie tun sollte! Allerdings kann es zuweilen sein, das auch Achtkantschrauben oder ähnliches, wenn sie nicht aufgehen oder sich etwas nicht einstellen lässt, was eigentlich davor immer funtionert hat, diesen Ausspruch zur Folge hat!
    Wenn dann bei uns etwas „fickt“, geht gerade irgendetwas gewaltig schief! Sei es in einer Dokumentation, wenn man sich dauernd verschreibt, sei es bei Problemen mit Computern oder Anlagen, wenn es sich um ständige, andauernde Probleme handelt!
    Die Assoziation mit dem Begriff Hure kommt in diesem Zusammenhang von der in einem Sprachgebrauch vorhanden negativen Sinn für einen Zustand oder einer Sache, welche einfach nicht tut, was sie soll!

    Warum sich in dem Zusammenhang das Wort Hure manifestiert hat, lag an einem Kollegen, der durchgehend schlechte Erfahrungen mit SWs gemacht hat, die ihm nicht die Befriedigung verschaffen konnten, die er sich erhofft hatte! Woher im Grossen und Ganzen auch der negativ behaftete Beigeschmack jenes Wortes wohl herrührt!

    Deshalb finde ich es schön, wenn man dem Begriff Hure, einen so wunderschönen Sinn verleihen kann, wie den eines befriedigen, wunderschönen Kurzurlaubes in angenehmer und gewollter gesellschaft einer schönen Frau, aus dem man dann erquickt und überaus erholt in die reale Welt hinaustritt, um ihren negativen Einflüssen besser und mit mehr Frohsinn und Stärke entgegen zu treten!

    Danke für diese tolle Definition!

    Lg Stefan

  2. Thorja von Thardor
    Thorja von Thardor sagte:

    Ich glaube, das ist sogar eher „international österreichisch“ so im Gebrauch. Vielleicht verdächtigst du deinen Kollegen umsonst! 🙂 Ich hab das auch schon öfter gehört, das hatte aber nicht das geringste mit mir zu tun, sondern eben, wie du es beschreibst, mit einer unzufriedenstellenden Maschine, mit einem Werkzeug etc.

    Aber da haben wir die Bedeutungsebene ja eh: Man sagt das, wenn etwas nicht tut, was man will, oder was man für angebracht hält, was es tun sollte. Darin ist genau dieses widerspenstige Freiheitsmoment enthalten. Die Hure ist frei. Sie tut nur dann, was man will, wenn man sich mit ihr einig wird. Und wenn man sich mit ihr einig wird – dann will sie es ja auch. Achtkantschrauben… sind das nicht äh.. Muttern, Mütter? Interessant, dass es beim Werkzeug so viele weibliche Konnotationen gibt.

    Ich selbst kenne diese Beschimpfung auch – wenn ich nicht tue, was so manche Kunden und Interessenten gerne hätten. Und da meine ich jetzt ganz und gar nicht irgendwelche Praktiken oder dergleichen (das würde sich von selbst ad absurdum führen, da ich eine solche Situation umgehend verlassen würde). Ich meine damit vielmehr diese Grenzüberschreitung, wenn sie zu sehr „haben“ wollen, wie ich es im Blog beschreibe. Wenn sie meine Freiheit einzuschränken beginnen, weil sie nicht verstehen, dass die Hure maximal frei ist. Meistens läuft es auf die Forderung nach Gratistreffen hinaus, oder auf ein Vordringen in mein Privatleben, auf verschiedenste Weisen. Das ist etwas, was ich zurückweisen muss, meistens in Form eines radikalen Kontaktabbruchs – da meine Freiheit eben nicht verhandelbar ist.

    Ich gehöre niemandem, daher hat niemand ein Recht, Gratistreffen von mir zu fordern und mich dann mit kurzfristigen Terminstornos zu strafen, weil ich nicht darauf eingehe: „Du verweigerst mir ein Gratistreffen nächste Woche, drum bin ich jetzt so verletzt, dass ich unser Date heute Abend absage“. Und wenn ich dann in solcherlei Konstellationen klärende Gespräche führen wollte, durfte ich schon mehrmals Zeugin jenes Satzes werden, den wir alle so gerne hören:
    „Und ich dachte, du bist anders… aber jetzt sehe ich, du bist ja doch auch nur eine Hure.“
    Tja, dazu kann ich nur sagen: Jetzt hast du es verstanden. Aber du hast auch gar nichts verstanden. Richtig, ich bin deine Hure, und das wäre deine Chance. Aber du hast sie vertan, weil du mich besitzen wolltest.
    Das Prinzip der Freiheit ist eben unverhandelbar.
    Und insoweit sind die beiden Aussagen dann wieder total vergleichbar. Wenn der zitierte Exkunde sagt: „aha, jetzt sehe ich, du bist ja doch nur eine Hure“, dann sagt er das, weil ich eben nicht das tue, was er will: Mich von ihm besitzen zu lassen. Ich entziehe mich seinem Zugriff, seinen Willen. Wir sind uns nicht einig. Und genauso ist das ja auch bei deinem Kollegen, der zum Werkzeug, das nicht tut, was er will, sagt: „du Hure, elendige“.
    🙂
    Beide Aussagen bestätigen: Mit der Hure ist immer etwas radikal Freies gemeint!

  3. Koarl
    Koarl sagte:

    Servus die Herrin.
    Das Wort Hure habe ich selten positiv besetzt erlebt. In der Extase vielleicht, wenn der aktive Part dem Gegenüber ein Gefühl von Zügellosigkeit vermitteln will, aber sonst?
    Für mich als Mann ist das Wort Hure untrennbar mit der Penetration verbunden. Ich „nehme“ eine willige Frau. Die Meisten werden dafür bezahlt, aber nicht alle. Ob man einen Menschen (das beschränkt sich imho nicht auf Huren) besitzen kann, nun ja, dafür gibt es viele Beispiele der Sklaverei und Zwangsarbeit die beweisen, dass das sehr wohl möglich ist.
    Eine Escortdame oder eine Domina die wirklich freiberuflich arbeitet, wird nie jemand gegen ihren Willen besitzen können. Aber das sind aus meiner Sicht nicht die gleichen Voraussetzungen.

  4. Thorja von Thardor
    Thorja von Thardor sagte:

    Ich denke, dir sollte ich nach Corona mal ordentlich den Hintern versohlen für deine sexistischen Ansichten! 😉
    Du meinst wohl, eine Frau die „willig“ ist, könntest du „nehmen“. Abgesehen davon, dass du eine die sexuelle Lust genießende Frau offenbar abwertend als „willig“ bezeichnest (btw: ist es nicht schön, wenn die Frau „will“, also „willig“ ist – soll das etwa nicht sein, was hören wir da für eine rückständige Sexualmoral heraus?), ist das wieder mal eine maßlose Überschätzung des Schwanzes an sich. Woher das bloß immer kommt, dass einige Männer denken, ihr Schwanz hätte da irgendeine phantasierte Macht, etwas zu „nehmen“. Viel angebrachter und passender, wenn wir schon im Bild der ungleichen Machtverteilung bleiben wollen (was ich persönlich abgesehen von Rollenspielen natürlich niemals so sehe und lebe, denn dafür liebe ich die Männer und ihre Körper zu sehr) ist es doch, dass die Frau mit ihrer Scheide den Schwanz des Mannes „nimmt“, schließlich verschwindet dieser in ihr.
    Also, da werden wir wohl ein wenig an der Bedeutung deines Schwanzes arbeiten müssen. Ich werde ihn dir hierzu wohl am besten ordentlich abbinden, mit Gewichten langziehen, abwatschen, sodass er lächerlich hin und her baumelt. Und dann werde ich dich „nehmen“, damit dein Anhängsel mit seinem Anblick das Angesicht dieser Welt nicht mehr beleidigt.
    Und dann mach ich dich zur Hure – aber zu jener nach deinem Verständnis.
    😉

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