Liebe Frau Groiss!

Ich danke Ihnen sehr herzlich für das Interesse, welches Sie mir und meinem Beruf entgegenbringen. Ich habe mich über Ihre Einladung in die über die Grenzen Österreichs hinweg bekannte Talkshow „Die Barbara Karlich Show“ sehr gefreut. Es ist für mich eine wohltuende Bestätigung meines Tuns und Wirkens, erfahren zu dürfen, auch außerhalb der Sexworkszene rezipiert zu werden. Trotzdem muss ich meine Teilnahme an der Talkshow leider ablehnen. Die Gründe hierfür möchte ich gerne in diesem offenen Brief darlegen.

Die Sexarbeit ist in Österreich, wie in vielen anderen Staaten, hochgradig stigmatisiert. Sexarbeitende werden im herrschenden Diskurs als Opfer dargestellt: Als Opfer der Umstände, als Opfer der Kunden, oder – wenn sich sonst kein Täter findet – eben als Opfer ihrer selbst. Der damit verbundene Imperativ lautet immer, dass dieser Zustand beendet werden müsse. Die Sexarbeitenden sollen befreit werden: Von den Umständen, von den Kunden, oder – wenn sich sonst niemand findet, den man kriminalisieren kann – eben von sich selbst, gerne auch gegen ihren Willen. Sehr schnell ist man mit dem Argument des „Zwangs“ zur Stelle. Vor diesem Hintergrund ist es kaum möglich, sich über Sexarbeit zu unterhalten. Mehr oder weniger augenblicklich spaltet sich jede Diskussion in zwei Lager: Jene, die am Zwang festhalten, sowie jene, die auf die selbstbestimmte Entscheidung zur Sexarbeit pochen. Ab diesem Zeitpunkt ist entschieden, wie das Gespräch weiter verläuft:

Jeder Versuch, die positiven Seiten der Sexarbeit zu betonen, wird seitens der Kritiker*innen umgehend mit der „Werbekeule“ abgetan: Sie entgegnen dann, dass man als Sexarbeiterin natürlich nur positiv über die Sexarbeit sprechen könne, da die eigenen Kunden ja nichts anderes hören wollten. Alles, was aus dem Mund einer Hure kommt, sei also demnach nichts anderes als Werbung. Das ginge ja gar nicht anders! Daraus folgt eine Anknüpfung an das auch kulturell unterfütterte Bild der hinterlistigen durchtriebenen Hure: Alles, was eine Hure sagt, sei entweder berechnend gelogen, dem eigenen Vorteil verpflichtet, oder aber: Sie sei so verblendet, dass sie sogar selbst glaubt, was sie sagt. Ein Opfer ihrer selbst! Aus beiden Denkmustern folgt: Einer Hure braucht man in keinem Fall zuzuhören. Damit wird uns jede Argumentation entrissen, ganz egal, was wir zu sagen haben.

Dass die Kritiker*innen die positiven Argumente für die Sexarbeit nicht hören wollen, bedeutet jedoch noch lange nicht, wie man etwa meinen würde, dass sie für die Schattenseiten der Sexarbeit ein offenes Ohr hätten! Keineswegs. Wenn wir Sexarbeitenden nämlich offen über Belastungen in unserer Arbeit reden, erfahren wir nicht automatisch Verständnis. Was uns dann entgegengebracht wird, ist vielmehr eines: Häme. Es wird dann nicht, wie in jedem anderen Gespräch, über den Inhalt des Gesagten weitergesprochen oder nachgedacht, sondern über die Sprecherin: die Sexarbeiterin in diesem Fall. Es wird dann nicht über den Fake-Kunden weiter nachgedacht, von dem die Sexarbeiterin gerade erzählt, dass er sie an eine Adresse bestellt, sich dann dort irgendwo versteckt hatte um Fotos zu machen, und sie dann mit diesen Fotos erpressen wollte. Nein, dieser Fake-Kunde mit offenkundig krimineller Energie ist in einer solchen Diskussion vollkommen uninteressant. Der Fokus schwenkt sofort wieder zur Sexarbeiterin. Sie ist das Objekt der weiteren Diskussion. Es werden dann Vorwürfe gemacht:

Warum regst du dich über sowas auf? Es ist doch deine freie Entscheidung gewesen, diesen Beruf auszuüben? Du betonst doch immer deine freie Entscheidung, deine Selbstbestimmung! Also warum beschwerst du dich jetzt über sowas? Damit muss man eben rechnen in so einer Arbeit! Hältst du das nicht aus? Na, dann bist du eben falsch in dem Beruf! Warum hörst du dann nicht einfach auf? Dann bist du vielleicht doch nicht ganz so selbstbestimmt, wie du uns immer zu verkaufen versuchst!

Darauf würde man wieder entgegnen, dass es eben, wie in jedem anderen Beruf auch, Aspekte gibt, die nicht nur positiv sind. Das würde man ja auch von keinem anderen Beruf behaupten (wollen!), vor allem, wenn man sich als Profi betrachtet. Zum professionellen Selbstverständnis gehört es doch, auch mit Belastungen gut umgehen zu können. Brächte man jedoch dieses Argument vor, wären die Kritiker*innen im selben Augenblick mit der Werbekeule zur Stelle und man wäre wieder mundtot.  

Diese ewig gleichen Gesprächsverläufe sind überall sichtbar, sei es in politischen Diskussionen über Sexarbeit, wie es derzeit etwa in Deutschland der Fall ist, wo die SPD unter der Führung von Leni Breymeier ein Sexkaufverbot initiieren will, was einer Kriminalisierung der gesamten Branche gleichkommt und massive Verschlechterungen für Sexworker mit sich bringt (Info des BeSD dazu).  Sei es in Alltagsdiskussionen mit Menschen, die sich noch nie für Sexarbeit interessiert haben, sei es in Internetforen, in denen frauenverachtende Freier (ja, auch diese Spezies gibt es unter den Kunden) die Selbstbestimmung der Huren ablehnen, um ihre eigene Machtposition Frauen gegenüber allgemein und Huren gegenüber im Besondern beizubehalten (Erotikforum ff.)

Sie sehen also, liebe Frau Groiss, Kommunikation über Sexarbeit ist fast nicht möglich, weil und solange sie sich im Universum von Zwang/Freiwilligkeit bewegt. Und leider ist dies das herrschende dichotome Argumentationsmuster. Egal, was eine Sexarbeiterin über ihren Job zu sagen hat: Es wird entweder als Lüge („Werbung“) oder aber als gefälligst einzukalkulierendes Risiko abgetan („selber schuld, hättest halt was anderes gemacht“). Und zwar: Weil man uns in Wahrheit nicht zuhören will. Wir sollen am besten schweigen. Ein typisches Symptom der Diskriminierung und Stigmatisierung.

Eine Talkshow im österreichischen Fernsehen zu diesem Thema stelle ich mir als konzentrierte Essenz der beschriebenen Phänomene vor. Ich denke, ich wäre da ziemlich auf verlorenem Posten. Denn es steht nun mal nicht in meiner Macht, bei aller Argumentationstechnik, als einzelne Teilnehmerin an einer Diskussion einen Standpunkt einzunehmen, von dem aus es möglich wäre, Sexarbeit in einen alternativen Kontext zu stellen, abseits von Zwang/Freiwilligkeit, sodass vielleicht eine sinnvolle Diskussion zustande käme. Zu groß ist das Risiko, von einer ganzen Gruppe von Menschen auf den Opferstatus festgelegt zu werden. Zu groß ist das Risiko, damit einer wirklichen Viktimisierung zum Opfer zu fallen. Zu groß ist das Risiko, dass ich und meine Angehörigen davon Schaden nehmen. Zu groß ist das Risiko einer seelischen Verletzung.

Und gerade die seelische Unversehrtheit ist meine allerwichtigste Arbeitsressource. Nur solange es mir gut geht, kann ich meinen Kund*innen gute Erlebnisse ermöglichen, die auch mir guttun. Das ist Voraussetzung meiner alltäglichen Arbeit. Diese Achtsamkeit für mich selbst habe ich bezeichnenderweise erst als Sexarbeiterin gelernt, denn ohne sie wäre meine Arbeit unmöglich. Alles, was diese Achtsamkeit gefährdet, gefährdet also auch meinen Job, und damit meine Existenz. Deshalb bleibt mir als Entscheidung nur, Ihre Einladung dankend abzulehnen.

Für andere Formate, die einen etwas protektiveren Rahmen erlauben, wie kleinere Gesprächsrunden ohne Spontanpublikumsfragen oder Interviews, wo ich mich wirklich vollständig darlegen und erklären kann, stehe ich dagegen sehr gerne jederzeit zur Verfügung, falls Interesse am Sexarbeitsalltag aus der Innensicht besteht. 😊

Viel Erfolg wünsche ich Ihnen bei weiterer Recherche sowie bei der Sendung!

Herzliche Grüße, Thorja von Thardor

5 Kommentare
  1. arizona
    arizona sagte:

    perfekt, dem ist nichts hinzuzufügen. Es wäre wünschenswert, wenn dieser Brief der breiten Öffentlichkeit zugänglich und auch von dieser verstanden würde.

  2. Thorja von Thardor
    Thorja von Thardor sagte:

    Ja, ich denke, sowas kippt sehr schnell in eine Art öffentliches, hämisches Tribunal, in dessen Rahmen jedes Wort, das man entgegnet, als Lüge verunglimpft wird. Und das ist dann auf ewig im Internet… nö, das geht einfach ned… Außerdem geht’s in so einem Format ja weniger um Information, sondern um Unterhaltung – und die lebt von Zuspitzung und Klischees, die man aufeinander loslässt… und wie die Klischees der Sexarbeit ausschauen, wissen wir ja.

  3. Martin
    Martin sagte:

    Danke für dieses Statement; perfekt auf den Punkt gebracht!

    Ein Auftritt bei der Karlich-Show zu diesem Thema hätte Dir zwar Deine 15 minutes of fame gebracht, in dem Setting wäre es aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gelungen, über das Thema sachlich und ohne Untergriffe gegen Dich zu sprechen. Übrig geblieben wäre eine exponiert stehende Thorja, die nicht über Inhalte hätte sprechen können, sondern in einem permanenten Erklärungs- und Rechtfertigungsdruck gestanden wäre.

    „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
    … aber muss das für immer so bleiben?

    Ich stell mir nach dem Lesen Deines offenen Briefs folgende Fragen:
    * Wie kann es gelingen, die mediale Berichterstattung / Diskussion über Sex-Arbeit aus der voyeuristisch, vorurteilsbelasteten „Schmuddelecke“ zu bringen?
    * Was muss geschehen, damit in der (Medien-)Öffentlichkeit über verschiedene Aspekte der Sex-Arbeit genauso sachlich gesprochen werden kann, wie über hundert andere Themen auch?
    * Wie kann in einem Massenmedium der von Dir angesprochene protektivere Rahmen geschaffen und erhalten werden, in dem ein offenes, achtsames, … Gespräch möglich wird?

  4. Steeev
    Steeev sagte:

    Die Barbara-Karlich-Show gehört für mich zu jenen Formaten, welche die Ergötzungslust an diversen, teils durchaus zwar interessanten Themen, aber absolut niveaulos der zum grossteil genauso gearteten Zuseher befriedigt, gleichzeitig den meist sehr egomanisch oder exzentrisch veranlagten Teilnehmern und dem Diskussionswütendem Publikum im Studio eine Bühne gibt, auf der sie, im Stil eines Schmierentheaters, ungehemmt ihren charakterlosen und nieveaulosen Gelüsten fröhnen können!

    Diesem Format eine Absage zu erteilen, vor allem in deiner wundervollen, stilvollen und vor allem argumentativ perfefekten Art, zeugt von Rückrad und vor allem davon das Thema Sexarbeit nicht in den Dreck ziehen zu lassen, was möglicherweise durchaus die Absicht hinter der Einladung gewesen sein könnte!

    Meinen allerhöchsten Respekt dafür!!

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.