Ich möchte euch folgenden ORF-Beitrag nicht vorenthalten, der heute auf ORF2 erschien. Christian Knappik von sexworker.at, Viktor vom Erotikstudio Margarten und meine Wenigkeit haben darin Gelegenheit, über unsere Sicht auf die aktuelle Situation von SexarbeiterInnen zu sprechen. Es ist mir ein Anliegen, vorauszuschicken, dass dies meine erste positive Erfahrung (als Sexarbeiterin) mit Journalismus ist.

 

Bisher musste ich die Erfahrung machen, dass das, was Sexworker sagen, sehr gerne in einen eher negativen, problemorientierten Kontext gestellt wird und dazu irgendwelche Dramatisierungswerkzeuge eingesetzt werden. Das TV-Interview mit einer Sexarbeiterin, das mich am meisten erschreckte, lief so: Sie führte aus, wie es ihr durch die Sexarbeit gelang, verschiedene Ziele in ihrem Leben besser und schneller zu erreichen als mit einem „normalen“ (was immer das auch sein mag) Job. Während sie erzählte, erblasste das Bild plötzlich – es wurde also alle Farbe herausreduziert, und stattdessen eine Art Horrorfilm-Geräusch hinzugefügt. Ihr wisst schon, dieses tiefe, bedrohliche Brummen, wenn gleich etwas Schlimmes passiert. Dafür gibt’s sicher eine fachspezifische Bezeichnung, aber damit kenn ich mich nicht aus, drum muss ich es so kompliziert umschreiben. Jedenfalls wurde damit der Inhalt dessen, was sie sagte, ad absurdum geführt und ihr damit die Hoheit über ihre Aussagen entzogen. Und da man eben nie wissen kann, wie Interviewmaterial verwendet, Aussagen geschnitten werden etc., habe ich Presseanfragen als Sexarbeiterin bisher immer abgelehnt. Siehe hierzu im Blog etwa auch meinen offenen Brief an Talk-TV.

 

In das aktuelle Interview hätte ich mich also ohne die mentale Unterstützung durch die beiden Mitstreiter Christian und Viktor nicht drübergetraut. Aber mit der Haltung „gemeinsam schaffen wir das“, konnte ich mich dann durchringen, mein allererstes Interview als Sexarbeiterin zu geben. Ein historischer Moment für mich:

 

 

Ein paar Stunden später gab es dann noch den folgende Beitrag. Da wurde eine sehr wichtige Forderung ergänzt. Nämlich, dass es unbedingt notwendig ist, den Sexarbeitenden frühzeitig wieder die Möglichkeit zu geben, im Rahmen der Gesetze zu arbeiten. Das bedeutet im Klartext: An der MA15 bzw. an den Bezirksverwaltungsbehörden müssen möglichst frühzeitig wieder die Gesundheitsuntersuchungen stattfinden, und zwar BEVOR wir wieder arbeiten dürfen. Sonst hat an dem Tag, an welchem die Sexarbeit wieder möglich ist, niemand einen gültigen Deckel! Weiters wurde bei der folgenden Version die Einleitung parteilicher mit SexarbeiterInnen gestaltet:

 

Ich muss an dieser Stelle Frau Cedomira Schlapper wirklich danken für den (doch weitgehend) wertfreien Job, den sie mit dieser Sendung gemacht hat. Auch dafür, dass sie mich immer aussprechen ließ, mich nichts Übergriffiges fragte, meine Aussagen nicht in falsche Kontexte stellte, danke ich ganz, ganz herzlich! 🙂 Das Thema ist natürlich viel größer, aber es ist schon mal gut, eine etwas größere Öffentlichkeit zu erreichen, wenn auch nur mit einem knapp 4minütigen Beitrag.

 

Trotzdem möchte ich auf ein paar Dinge hinweisen. Ich möchte damit weder pingelig erscheinen, noch meine ich es als Vorwurf. Die Sendung hat aus meiner Sicht nur einige Unschärfen – die aber insofern umso bedeutsamer sind, als sie eben nur nebenbei erwähnte Unschärfen sind und daher das Risiko viel größer ist, dass sie frag- und kritiklos ins Bewusstsein der ZuseherInnen eingehen, als hätte man sie zentral zum Thema gemacht. So setzt sich möglicherweise Unrichtiges als Wahrheit fest. Wurde ja schließlich im Fernsehen gesagt! Da wäre etwa:

 

Es ist in der Sendung von „tausenden Illegalen“ die Rede. Das fördert eine Sicht auf die Sexarbeit, dass da etwas „illegal“ wäre. Die Sexarbeit ist in Österreich aber nicht „illegal“, weder vor oder seit Corona. Gemeint ist mit „illegal“ immer eine bestimmte Ausübungsform der Sexarbeit, die den Bestimmungen nicht entspricht, mit denen sie reglementiert ist. Und diese finden sich im Verwaltungsrecht. Bei Zuwiderhandeln bekommt man einen Strafzettel. Das ist vergleichbar mit Falschparken. Mehr ist das nicht, was da immer als „illegal“ so leicht von der Lippe geht. Das mag jetzt als i-Tüpfelchen-Reiterei erscheinen, macht aber juristisch den großen Unterschied, ob man bei Zuwiderhandeln unter das Straf- oder das Verwaltungsrecht fällt.  

 

Hinzu kommt: Der Begriff „Illegale“ fördert bei gewissen Charakterkompositionen auch immer so ein bisschen eine schadenfrohe Haltung: „Ahaaa… Illegale sind das… na dann sind sie doch selber schuld, dann gehörens eh bestraft!“ Und das ist eine Haltung, die doch eher vermieden werden sollte, da sie uns der eh schon so mangelhaft ausgeprägten Solidarität mit Sexworkern noch weiter beraubt, und zweitens schlicht auf völlig falschen Prämissen beruht.

 

Das Verwaltungsrecht, welches Sexarbeit reglementiert, ist in sich selbst so widersprüchlich, dass es äußerst schwierig ist, ihm zu entsprechen. Es ist also sehr leicht, „illegal“ zu sein. Das ist ein Resultat des Regulierungsexzesses in der Sexarbeit. Eine Spirale: Man will uns ja immer reglementieren und kontrollieren. Die Regeln sind aber zum Teil unrealistisch, sodass ihnen viele nicht entsprechen (können). Warum? Weil diese Regeln von Leuten gemacht werden, die über Sexarbeit keine Ahnung haben und WIR dabei nicht gefragt werden. Die Reaktion auf die Nichteinhaltung sind noch striktere Regeln, noch schärfere Kontrollen. Da stellt sich natürlich wieder heraus, dass da vieles nicht eingehalten wird bzw. werden kann, worauf man mit weiteren Regulierungen und Kontrollen reagiert. Im Ergebnis haben wir ein in sich widersprüchliches Regelwerk, einen Fleckerlteppich von Interpretationen, da das Regelwerk von verschiedenen Beamten unterschiedlich ausgelegt wird. Der Amtswillkür ist damit Tür und Tor geöffnet. Die BH XY schreibt den Sexarbeitenden was anderes vor als die BH YX. Es braucht also nicht viel, um „illegal“ zu werden.

 

Kleines Beispiel: Eine niederösterreichische BH führt die Gesundheitsuntersuchung nur dann durch, wenn die Sexarbeitenden eine Bestätigung des Clubs/Laufhauses/Bordells vorweisen, dass sie dort arbeiten werden. Das jeweilige Etablissement wird dann von der BH auf dem Deckel vermerkt. Die Betreiber der Etablissements behaupten dann, dass dieser Deckel nun ausschließlich bei ihnen gelte („steht ja drauf!“), dass die Sexarbeitenden damit also nicht woanders arbeiten können. Es gibt keine Rechtsgrundlage, worauf sich diese Vorgangsweise der BH stützt. Das ist reine Amtswillkür. Die Sexarbeitenden werden nun durch diese willkürliche Überreglementierung, die in diesem Fall von einzelnen Beamten frei erfunden wurde, ihres Rechts auf freie Wahl des Arbeitsplatzes beraubt. Man könnte dagegen vorgehen, indem man sich an die Volksanwaltschaft wendet. Doch hierzu müsste eine persönlich betroffene Sexarbeiterin diesen Weg beschreiten, sich outen, all das durchziehen… und das ist bei so einem stigmatisierten Job natürlich fast unmöglich. Weiteres Beispiel: Meine Form der Sexarbeit, der Escort, ist in vielen österreichischen Bundesländern per Verwaltungsgesetz NICHT erlaubt! Ich wäre also etwa in Tirol eine solche „Illegale“, da dort die Ausübung der Sexarbeit nur in bewilligten Prostitutionslokalen (Bordell, Laufhaus, Studio etc.) erlaubt ist, nicht jedoch im Hotel. Das bedeutet aber nur, dass ich dort eben „illegalisiert“ bin. Das sagt eher etwas über die Rechtslage aus, nicht über mich.

 

Was jedoch fast noch schwerer wiegt: Der Begriff „illegale Prostitution“ wird sehr gerne automatisch mit Menschenhandel, Ausbeutung, Zwang zur Sexarbeit etc. assoziiert. Da entstehen gleich Bilder von angeketteten Mädchen in Kellerlöchern. In Wahrheit kann mit dem Begriff eine Escortdame wie ich gemeint sein, die in Tirol einer Agent-Provocateur-Action (dh Polizisten agieren als Fake-Kunden) auf den Leim geht. Oder eine Dame, die in ein anderes Laufhaus wechselt, und der kontrollierende Beamte der Meinung ist, ihr Deckel gelte hier nicht, obwohl kein Gesetz den SWs vorschreibt, auf ein bestimmtes Etablissement beschränkt zu bleiben. Wenn man den Begriff „illegale Prostitution“ so leichtfertig bemüht, aktiviert man damit sofort den unseligen Zwangsdiskurs und erweist man uns also eher einen Bärendienst. Wir wollen ja vom Zwangsdiskurs weg, hin zum Dienstleistungsdiskurs.

 

Ich würde also gerne um einen vorsichtigen Umgang mit dem Begriff „illegale Prostitution“ bitten. Man kann es auf die Formel reduzieren: Es gibt keine illegale Prostitution. Nur Ausübungsformen einer Dienstleistung, die nicht ins lokale Verwaltungsrecht passen.

 

Eine weitere Unschärfe liegt in der eingangs gestellten Behauptung, Prostitution wäre in Österreich derzeit „verboten“. Nun, das ist sie eben nicht. In Österreich wurde sie durch die anderen Beschränkungen der individuellen Freiheit, Ausgangsbeschränkungen, Schließungen von Bordellen, Hotels etc. „nur“ mit-verunmöglicht. Wenn man sich an die CoVid-Verordnungen hält, dann kann man automatisch auch der Sexarbeit nicht mehr nachgehen. Aber: Die Sexarbeit als solche wurde in Österreich NICHT zusätzlich noch mal explizit verboten. Im Gegensatz zu Deutschland. Dort wurden (fast?) flächendeckend Prostitutionsverbote ausgesprochen – zusätzlich zu den sonstigen Beschränkungen!

 

Auch das mag als Spitzfindigkeit erscheinen, macht aber bei genauerem Hinsehen auch einen großen Unterschied: Es handelt sich dabei nämlich um eine äußerst diskriminierende Maßnahme. Niemand würde zb auf die Idee kommen, zusätzlich zu allen Schließungen und Verboten etwa Friseurdienstleistungen noch mal extra zu verbieten. Warum sollte man das tun, wenn die Friseure wie alle anderen persönlichen Dienstleistungen sowieso schließen mussten? Völlig zu Recht wäre der Aufschrei der Friseure in diesem Fall laut. Aber bei den Sexworkern hält man es in D offenbar notwendig, das zu tun. Und ich denke, zu Recht sorgen sich die deutschen KollegInnen darüber, ob sie dieses Verbot so schnell wieder loswerden.

 

All die AbolitionistInnen (darunter versteht man jenen Kreis meist politisch links verorteter FeministInnen, die in Sexarbeit grundsätzlich Vergewaltigung und Ausbeutung sehen, uns unsere Selbstbestimmung also nicht zugestehen und unsere Arbeit verbieten wollen – und uns damit genau das antun, was sie anderen vorwerfen, nämlich Zwang auf uns auszuüben) erkennen darin die Gunst ihrer Stunde und freuen sich in Sozialen Medien über eine Übung für den von ihnen imaginierten Sollzustand. „Super, geht doch, man kann ja schon mal üben“ – twitterte etwa Leni Breymaier (SPD) angesichts des deutschen Sexarbeitsverbots, sich über die drohende Armut tausender SexarbeiterInnen schadenfroh lustig machend. Obwohl sie doch sonst immer behauptet, uns nur „helfen“ zu wollen. Sie hat sich und ihresgleichen damit auf wunderbare Weise demaskiert: Es ging ihr nie um Hilfe, sondern darum, Zwang auf uns auszuüben, uns das Arbeiten zu verunmöglichen. Als dann hunderte gestrandete SexarbeiterInnen aus den Bordellen geworfen wurden, in denen sie ja auch wohnten, als sie nicht mehr über die geschlossenen Grenzen nach Hause konnten… tja, da waren diese „HelferInnen“ plötzlich sehr still. Insgeheim lachten sie sich ins Fäustchen über die humanitäre Katastrophe in der Paysexwelt.

 

Ich für meinen Teil versuche, mich mit den Abolis nicht mehr zu beschäftigen, obwohl dies für meinen Blutdruck wahrscheinlich gesund wäre (meiner ist immer zu niedrig). 🙂

 

Tja, also diese beiden Punkte – leichtfertiger Umgang mit dem Begriff der Illegalität und die Behauptung eines expliziten Sexarbeitsverbots – sind meine beiden Kritikpunkte. Ansonsten bin ich froh, dass ich so wertfrei geschnitten wurde und eine gute Erfahrung machen durfte. Ich hatte vergangene Nacht einen Alptraum über dieses Interview, der sich zum Glück nicht erfüllte… 🙂

 

 

3 Kommentare
  1. Stefan
    Stefan sagte:

    Ich glaube nicht, das du dir Sorgen hättest machen müssen, ob du gut rüber gekommen bist in dem Video! Im Gegenteil hast du praktisch für alle gesprochen, die im Covid Wahnsinn um ihre Existenz als SW bangen müssen, ihnen einen Namen und Gesicht gegeben, wenn auch verfremdet! Auch wenn es wohl nicht alle sehen werden, glaub ich doch, dass sie Danke sagen würden!
    Was die Unschärfen angeht: Ja, manche Aussagen sollten in solchen Reportagen eigentlich besser durchdacht sein, was aber bei einem Massenmedium meist nicht geschieht! Schade, weil eine richtige Aussage wohl einige Ungereimtheiten ausräumen würde!
    Auf jeden Fall nochmals Danke, vielleicht im Namen derer, kenne ja ein paar, denen du deine Stimme geborgt hast!! 😉

  2. Ed Roth
    Ed Roth sagte:

    Danke für den Auftritt, auch an Christian und Viktor. Wer hätte gedacht, dass grad in der jetzigen angespannten Situation sowas in einem Medium wie dem ORF möglich ist.

  3. Linus
    Linus sagte:

    Ein kleiner Lichtblick! So kommt dieses wichtige, stigmatisierte Thema wenigstens auf die mediale Landkarte. Vielen Dank Thorja (auch Christian und Viktor), du machst damit vielen Mut und es tut gut, dich mit deinem scharfen, kritischen Verstand und einer phantistischen Eloquenz in der Diskussion zu haben (das betrifft natürlich auch diesen Blog). Ich wünsche mir, dass das der Anfang, aber nicht das Ende deiner medialen Präsenz im TV ist!

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