26.10.2020 Rückblick auf Innsbruck

Hallo meine Lieben,

Und schon wieder ist die Veranstaltung in Innsbruck eine Woche her. Für alle, die gerne dabei gewesen wären, habe ich hier ein Audofile meines Vortrags:

Ich möchte euch aber auch abseits des Inhaltlichen nicht vorenthalten, wie dieser ereignisreiche Tag verlaufen ist:

Die Beratungsstelle IBUS (Innsbrucker Beratung und Unterstützung für Sexarbeitende) hat ja diese Veranstaltung organisiert und als Vortragende Mademoiselle Ruby aus Deutschland sowie meine Wenigkeit eingeladen. Ruby war dann online zugeschaltet und ich live vor Ort.

Da Innsbruck ja nicht gerade um die Ecke liegt, sind wir schon rund um die Mittagszeit aus Wien weggefahren, um dann so rund um 18 Uhr anzukommen. Auf der Fahrt gen Westen wich meine Zuversicht zusehends verschiedenen Zweifeln. Bin ich gut genug vorbereitet? Hätte ich doch noch eine visuelle Präsentation machen sollen? Plötzlich wurde mir auch bewusst, dass dies nun eigentlich das erste Mal sein würde, dass ich LIVE, also wirklich persönlich im Hier und Jetzt und vor Ort als Sexarbeiterin öffentlich sprechen würde. Aber ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass es nun eh schon zu spät wäre, um jetzt noch nervös zu werden. Ich kann sowas auch ganz gut zur Seite schieben.

Wir wurden in Innsbruck in der „Bäckerei“ sehr herzlich von den IBUS-Mitarbeiterinnen empfangen. Ich war erstaunt, wie groß die Location ist. Der große Saal war bereits unter Wahrung des Mindestabstands bestuhlt.

Die Bühne war ebenfalls schon hergerichtet. Das bequeme Retrointerieur für mich, die Beamerleinwand im Hintergrund für die zugeschaltete Ruby.

Während mein Mikrophon mittels Namenstixo für mich definiert und eine Art Mikrophonkondome für Fragen aus dem Publikum geholt wurden, kamen auch schon die ersten BesucherInnen und wurden zu ihren zugewiesenen Sitzplätzen escortiert.

Ruby war als erstes dran und erzählte von der Situation in Deutschland. Die größten Unterschiede zu Österreich bestehen darin, dass es in Deutschland ein tatsächliches Tätigkeitsverbot gab bzw. jetzt mancherorts schon wieder gibt, während man in Österreich „nur“ die Erfüllung von Vorschriften für Sexarbeitende unmöglich machen musste, um uns hier legales Arbeiten „elegant“ zu verunmöglichen.

Das Publikum erschien mir relativ „gewogen“. Es schienen sich also keine AbolitionistInnen unter die BesucherInnen gemengt zu haben. Bzw. wenn welche da waren, dann gaben sie zumindest Ruhe. Bei so einer Veranstaltung ist ja immer damit zu rechnen, dass plötzlich jemand schreit „Sexarbeit ist Vergewaltigung!“, „Wer Sexarbeiterinnen zuhört, heißt Menschenhandel gut!“ oder ähnlichen Bullshit. Aber ganz im Gegenteil – das Publikum beteiligte sich mit interessierten Fragen und ich schien es geschafft zu haben, gerechte Empörung über so manch unfassbare Geschehnisse zu erzeugen (hört euch die Audioaufnahme am Anfang dieses Eintrags oder im Blog an, um auch darüber im Bilde zu sein!).

Leider musste die Veranstaltung dann relativ zügig wieder beendet werden, da es vermieden werden sollte, dass sich Diskussionsgrüppchen bilden, in denen der Mindestabstand unterschritten wird usw.

Vor unserer Heimreise wollten wir noch ein Mural besichtigen, also ein politisches Wandgemälde, welches die IBUS-Mitarbeiterinnen in Vorbereitung auf die Veranstaltung in 2 Tagen Arbeit angefertigt hatten. Es hatte den Satz „Sexarbeit ist Arbeit – Solidarität statt Repression“ zum Gegenstand und bildete drei Frauen verschiedener Hautfarbe mit Mundschutz ab. Doch leider wurde es offensichtlich einige Stunden vor unserer Ankunft übermalt. Flächendeckend, mit kackbrauner Farbe, die sich stellenweise noch feucht anfühlte. Der Schriftzug war sogar extra dick übermalt, damit er bloß nicht durchscheint und man ihn ja nicht mehr lesen kann.

Ein wahrer Anschlag auf unsere politische Botschaft. Fast ikonenhaft. Die Sexarbeit soll unsichtbar gemacht werden. In jeder Hinsicht. Man geht nicht einmal in die Auseinandersetzung, man schreibt also nichts dazu, man streicht nichts durch – sondern man übermalt, damit nichts mehr übrigbleibt, nicht einmal ein Bezugspunkt. Man stellt lieber einen Zustand her, als hätte es die Botschaft nie gegeben, dass SexarbeiterInnen Rechte fordern, die für andere selbstverständlich sind.

Leider hab ich das Mural nie live gesehen. Aber so hat es ausgehen. Sehr gut sichtbar platziert an einer belebten Kreuzung, wo es einmal einen Straßenstrich gab, zu einer Zeit als die Sexarbeiterinnen noch freier waren in Tirol. Das war wohl für manche zuviel:

Es tut mir sehr leid für die Kolleginnen von IBUS, dass ihre Arbeit so heimtückisch zerstört wurde. Es tut mir leid für Innsbruck, dass dort offenbar ein Klima herrscht, in dem eine solch simple Botschaft keinen Platz im öffentlichen Raum hat. Ich wünsche den Mitarbeiterinnen von IBUS weiterhin viel Durchhaltevermögen in ihrer Arbeit, Sexarbeit sichtbar zu machen, einen Diskurs darüber zu ermöglichen. Nur wenn wir sichtbar sind, wenn wir gehört werden, wenn anerkannt wird, dass Sexarbeit soziale Realität ist – nur dann besteht eine Aussicht darauf, dass wir selbstbestimmt und eigenverantwortlich ohne paternalistische Bevormundung unsere Arbeitsbedingungen und damit unser Leben selbst in die Hand nehmen können. Wie man sieht, soll die Sexarbeit jedoch in den Augen so mancher besser unsichtbar sein und ein Mantel des Schweigens darüber gebreitet werden. Die haben aber nicht mit UNS gerechnet. 😉 rock on

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